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Energieeffizienz und Handwerkskunst: Wie die Dorfbäckerei Tiefenbach die Energiewende backt

Handlungsfeld: Produktionsprozess / Dienstleistung

Dorfbäckerei Tiefenbach

Seit der Übernahme durch Inhaber Philipp Tiefenbach im Jahr 2010 wurde der Betrieb kontinuierlich modernisiert und energetisch optimiert. Den Auftakt bildete 2011 die Installation einer Photovoltaikanlage zur Eigenstromerzeugung, deren Strom seither für einen neu angeschafften Elektro-Ladebackofen genutzt wird. Dadurch konnte der Ölverbrauch erheblich gesenkt werden, da tagsüber deutlich mehr Backwaren frisch mit Solarstrom gebacken werden und der alte, ölbefeuerte Backofen spürbar entlastet wird.

Eine weitere wichtige Maßnahme war der Einbau eines Blockheizkraftwerks mit zwei Modulen und einem Pufferspeicher. Dieses versorgt nicht nur den Betrieb mit Strom und Wärme, sondern liefert zusätzlich Wärme an das benachbarte Seniorenheim. Das jüngste Ziel ist eine CO-neutrale Bäckerei nach Scope-1- und Scope-2-Emissionen. Seit 2022 wird hierfür ein spezieller Heizkessel entwickelt, der den Backofen mit Pellets aus Dinkelspelzen beheizen soll.

Nahezu alle Maßnahmen zur Modernisierung und energetischen Sanierung mussten individuell konzipiert und umgesetzt werden, da für Betriebe dieser Größe in der Bäckereibranche kaum standardisierte Lösungen existieren. Statt auf vorgefertigte Konzepte zurückzugreifen, waren innovative Eigenentwicklungen erforderlich, um sowohl die handwerklichen Anforderungen als auch die energetischen Optimierungsziele in Einklang zu bringen. Dies stellte nicht nur eine technische, sondern auch eine wirtschaftliche Herausforderung dar, da maßgeschneiderte Lösungen oft mit einem höheren Planungs- und Investitionsaufwand verbunden sind. Dennoch ermöglichte dieser Ansatz eine passgenaue Integration nachhaltiger Technologien in die bestehenden Betriebsstrukturen und legte den Grundstein für eine zukunftsfähige, ressourcenschonende Bäckerei.

Seit 2010 wurde durch gezielte Abwärmenutzung und eine Vielzahl an Energieeffizienzmaßnahmen ein Optimierungsniveau erreicht, das kaum noch weiter ausgebaut werden kann. 

Zu den wichtigsten Maßnahmen zählen:

2011:

  • Installation einer 24,8 kW-Photovoltaikanlage mit Eigenstromtarif
  • Anschaffung eines Elektro-Ladenbackofens zur Nutzung des selbst erzeugten Stroms und Entlastung des alten,
    ölbefeuerten Backofens.
  • Zudem wurden stromintensive Tätigkeiten aus der Nachtschicht in den Tag verlegt, um verstärkt Solarstrom nutzen zu können.

2012: 

  • Austausch der alten Öl-Zentralheizung gegen einen Holzheizkessel sowie Einbau eines 8.500-Liter-Pufferspeichers

2013: 

  • Anbindung eines benachbarten privaten Altersheims (18 Bewohner) an die Zentralheizung, wodurch überschüssige Abwärme wirtschaftlich weitergenutzt werden kann

2011, 2012 und 2015: 

  • Austausch veralteter Tiefkühltruhen und Kühlschränke durch begehbare Tiefkühl- und Kühlzellen

2015: 

  • Erweiterung und Neubau des Ladens mit energieeffizienten Maßnahmen wie Dreifachverglasung der Schaufenster, Aufdachdämmung und einer gedämmter Bodenplatte.
  • Zudem Einbau eines Thermoölbackofens mit Abgaswärmetauscher, der in die Zentralheizung integriert wurde, sowie Umstellung der Beleuchtung auf LED

2017: 

  • Installation eines Blockheizkraftwerks mit zwei Modulen und Anbindung an den Pufferspeicher

2017/2018: 

  • Integration von Plattenwärmetauschern in die Kühlaggregate zur Nutzung der Abwärme für die Brauchwassererwärmung

2018: 

  • Ergänzung eines Pellet-Heizkessels zur Unterstützung des Holzheizkessels. Umstellung der Garraum-Befeuchtung von Dampfbefeuchtung auf Ultraschallbefeuchtung, wodurch die Anschlussleistung von 5.000 Watt auf 300 Watt gesenkt wurde 

2020: 

  • Ersetzung Diesel-Van durch E-Van

2022: 

  • Erweiterung der Photovoltaikanlage auf die gesamte Dachfläche (West- und Ostseite)
  • Entwicklung und Bau eines Heizkessels zur Beheizung des Backofens mit Pellets aus Dinkelspelzen

2024: 

  • Beschaffung zweites E-Auto
  • Ersetzung des 30 Jahren alten Gärraumes durch einen neuen, mit deutlich besseren Isolierung. Beheizt wird der Gärraum mit Abwärme aus dem Pufferspeicher. Die Abwärme des Kühlaggregates wird ebenfalls zur Brauchwassererwärmung genutzt
  • Ersetzung der BHKW durch Pelletheizkessel,dieser wird mit Dinkelspelzenpellets beheizt. Spart ca. 5000 Liter Heizöl / 13,4 Tonnen CO2 

Das übergeordnete Ziel ist nun die vollständige CO2-Neutralität nach Scope-1- und Scope-2-Emissionen. Alle nutzbaren Dachflächen sind bereits mit Photovoltaik zur Eigenstromerzeugung belegt, und der zusätzlich benötigte Strom wird klimaneutral über die Regionah Energie GmbH bezogen. Diese Plattform vermarktet Strom aus regionalen erneuerbaren Energiequellen wie Photovoltaik-, Biogas- und Windkraftanlagen in unmittelbarer Nähe zur Bäckerei. Als entscheidender nächster Schritt wird mit Hochdruck an der Fertigstellung des Heizkessels gearbeitet, um den Backofen künftig mit Pellets zu betreiben. Dadurch können jährlich 10.000 Liter Heizöl / 26 Tonnen CO2 eingespart werden. Die Pellets werden direkt von der regionalen Mühle bezogen, die auch das Mehl liefert – ein geschlossener, nachhaltiger Kreislauf. Es handelt sich dabei um Dinkelspelzenpellets, die aus den Spelzen der Dinkelschälung entstehen und somit eine besonders ressourcenschonende Heizalternative darstellen.

Durch die bereits umgesetzten und noch geplanten Maßnahmen macht sich die Dorfbäckerei Tiefenbach zunehmend unabhängig von den schwankenden und teils drastisch steigenden Energiepreisen. Zugleich trägt sie aktiv zur Reduktion von CO2₂-Emissionen bei. Schätzungen zufolge können jährlich rund 21 Tonnen CO2₂ eingespart werden. Auch die finanzielle Dimension spielt eine wesentliche Rolle: Die Investitionen von über 200.000 Euro in verschiedene Effizienzmaßnahmen haben es ermöglicht, den Stromverbrauch weitgehend von der Expansion des Produktionsvolumens zu entkoppeln. Dies führt zu einer jährlichen Einsparung von rund 60.000 Kilowattstunden, was in erheblichen Reduzierungen der Stromkosten resultiert.

Aktuell wird mit einer weiteren Investition von etwa 15.000 bis 20.000 Euro der Bau eines Prototyps für einen Heizkessel vorangetrieben, der den Backofen künftig mit Pellets aus Dinkelspelzen beheizen wird. Nach Fertigstellung dieser Maßnahme kann jährlich etwa 10.000 Liter Heizöl eingespart werden, was zusätzlich rund 26 Tonnen CO2₂ pro Jahr vermeiden würde.

Ein wesentlicher Erfolgsfaktor für die Umsetzung der vielfältigen Modernisierungs- und Energieeffizienzmaßnahmen war ein erheblicher Anteil an schwäbischem Tüftlergeist sowie das technische Know-how im Familienkreis. Der Bruder des Inhabers, gelernter Heizungs- und Backofenbauer, brachte seine Expertise in vollem Umfang ein, wodurch ein Großteil der Umbauten und technischen Anpassungen in Eigenleistung realisiert werden konnte. Dieser familiäre Beitrag war nicht nur entscheidend für die technische Machbarkeit vieler Maßnahmen, sondern ermöglichte es auch, die hohen Kosten zu senken. Ohne diese handwerkliche Expertise und die Fähigkeit, komplexe Systeme selbst zu entwickeln und umzusetzen, wären viele der geplanten Maßnahmen sowohl aus finanzieller als auch aus praktischer Sicht nicht realisierbar gewesen.

Im Jahr 2010 übernahm Herr Tiefenbach die Bäckerei Bosch, die aus Alters- und Gesundheitsgründen vor der Schließung stand. Die traditionsreiche Bäckerei befindet sich in St. Johann-Würtingen, einer Teilgemeinde von St. Johann auf der Schwäbischen Alb.

Seit der Betriebsübernahme verfolgt die Bäckerei das Ziel, handwerkliche Backwaren konsequent ohne den Einsatz von Back- oder Fertigmischungen herzustellen. Dabei wird, wann immer möglich, auf regionale Rohstoffe zurückgegriffen. Im Jahr 2015 wurde der Betrieb durch einen neuen Anbau mit Laden und Café erweitert. Gleichzeitig erfolgte eine Vergrößerung der Backstube sowie die Anschaffung eines neuen Backofens.

Zwischen 2010 und 2020 wurde der Betrieb kontinuierlich modernisiert und energetisch saniert. Umfangreiche Umbaumaßnahmen führten zu einer spürbaren Reduzierung des Energiebedarfs. Für dieses Engagement wurde die Dorfbäckerei Tiefenbach 2019 mit dem 1. Preis des Gipfelstürmer-Awards des Netzwerks regionaler Kompetenzstellen Energieeffizienz (KEFF) ausgezeichnet.

Zukünftig sollen weitere Maßnahmen die Energieeinsparung weiter steigern. Das persönliche Ziel des Inhabers ist eine CO₂-neutrale Bäckerei. Dies soll in den kommenden Monaten durch den Einbau eines Heizkessels gelingen, der den Backofen mit Wärme aus Dinkelspelzenpellets versorgt.

Logo der Dorfbäckerei Tiefenbach

Herausforderung

  • Fehlende standardisierte Energielösungen für kleine Bäckereien, daher hoher Bedarf an Eigenentwicklungen
  • Sehr hoher Energiebedarf bei Backprozessen und Kühlung bei gleichzeitig steigenden Energiekosten
  • Schwierige Integration maßgeschneiderter Maßnahmen im laufenden handwerklichen Betrieb

Maßnahme

  • Aufbau eines umfassenden Energiesystems aus PV, Holz-/Pelletheizung, Abwärmenutzung und effizienter Kühltechnik
  • Entwicklung eines Pellet-Heizkessels aus regionalen Dinkelspelzen zur künftigen Backofenbeheizung
  • Schrittweise Elektrifizierung und Optimierung des Betriebs, zum Beispiel E-Fahrzeuge und energieeffiziente Produktion

Nutzen

  • Jährliche Einsparungen von rund 60.000 kWh Strom und perspektivisch 10.000 Litern Heizöl
  • Reduktion der CO₂-Emissionen um insgesamt über 20 Tonnen pro Jahr
  • Höhere Energieunabhängigkeit und langfristig geringere Betriebskosten

Unternehmen

Gründungsjahr1896
Mitarbeiterinnen & Mitarbeiter< 10 MA
Jahresumsatz in Eurokeine Angabe
Unternehmenstyp Landwirtschaft und Lebensmittel

Initiativen

Klimabündnis BW

Kontakt

Dorfbäckerei Tiefenbach
Lammstrasse 26
72813 St. Johann-Würtingen

www.dorfbaeckerei-tiefenbach.de


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